Brian Fallon (The Gaslight Anthem)

Brian Fallon (The Gaslight Anthem)

Band: Brian Fallon (The Gaslight Anthem)

Interviewer: Franziska

Datum: 16. November 2011

Brian Fallon ist im Moment ein ziemlich beschäftigter Mann. Gerade hat der Frontmann von The Gaslight Anthem mit den Horrible Crowes ein Nebenprojekt gestartet und eine CD veröffentlicht und das neue Gaslight Anthem-Album ist schon in der Mache. Noch dazu kam eine Tour mit Chuck Ragan, Dave Hause (The Loved Ones) und Dan Andriano (Alkaline Trio) – die "Revival Tour". Wir haben mit Brian über die Horrible Crowes, das neue Gaslight Anthem-Album, Bruce Springsteen und die Magie von Orten gesprochen. Außerdem: Der ewige Streit zwischen New Jersey und New York. 


Wie läuft eure Tour?
Gut, so weit so gut! Wir haben noch vier oder fünf Shows übrig. Es ist eigentlich ziemlich vorbeigeflogen. Das ist echt immer so. Ich fühle mich, als wäre ich ewig in den Sommerferien.

Tourt ihr mit der Revival Tour auch durch die USA?
Nein, nur Europa.

Warum?
Ich habe soviel zu tun mit The Gaslight Anthem, wir haben viel zu tun.

Welche Songs singst du hier auf der Tour?
Wir machen beides, also wir spielen ein paar Songs von den Horrible Crowes und ein paar Songs, die Chuck (Ragan, Anm. d. Red.) und ich zusammen geschrieben haben. Dann spielen wir noch Songs von The Gaslight Anthem. Ziemlich durchmischt. Ziemlich cool. Meistens spielt am Anfang vom Set Ian (Perkins, von den Horrible Crowes, Anm. d. Red.) mit mir Songs von den Horrible Crowes und dann spiele ich noch Songs von The Gaslight Anthem.

Wie haben die Fans auf das Horrible Crowes-Album reagiert?
So weit, so gut. Das ist ziemlich gut gelaufen. Es war schon lustig, weil wir nicht wussten, ob das irgendwer mögen würde.

Es ist schon ziemlich anders als eure Gaslight Anthem-Songs.
Ja, habe ich auch gedacht.

Aber echt gut.
Ja, ich mag es. Es ist nicht schlecht. Danke dir!

Habt ihr vor, mit den Horrible Crowes noch ein Album zusammen aufzunehmen?

Weiß ich gar nicht so genau. Vielleicht. Aber es ist nichts, worauf ich mich jetzt konzentriere. Darüber denke ich jetzt nicht allzu viel nach. Aber vielleicht eines Tages...

Kommt ihr auch auf Tour nach Europa?
Nein. Das war auch nie der Hintergedanke, damit zu touren. Wir wollten eigentlich immer, dass das nur eine CD ist. Ich habe noch nie eine CD wie diese aufgenommen.

„Elsie“, der Name der Horrible Crowes-CD, ist ein Charakter aus der britischen Comedy-Show 'The Mighty Boosh'. Wie kam's?
Also da ist dieses Mädchen – man, ich hab mich an der Hand geschnitten, das brennt vielleicht! Es ist kein schlimmer Schnitt aber es tut weh! So wie wenn du dich schneidest, wenn du deine Beine rasierst... Ich weiß nicht, ob ihr das hier in Europa macht...

Ja.
Macht ihr? Okay. Macht ja nichts, wenn nicht. In Frankreich rasieren sie sich nicht.

Ich glaube, der Trend ist, die Haare wachsen zu lassen. Ich habe gelesen, dass Lady Gaga sich jetzt die Achselhaare wachsen lässt.
Oh man! (lacht) Naja, also die Sache mit Elsie... Es stammt aus der Mighty Boosh-Episode, wo die Ballerina tanzt und dann kommen sie alle mit den Aalen und sie attackieren diesen Typen. Und wir dachten... Was er sagt, ist: „Hast du mit Elsie getanzt, Junge?“ Und der Typ sagt: „Natürlich. Das haben wir alle gemacht.“ Und er sagt dann: „Das war eine schlechte Zeit für dich, nicht wahr, Junge?“ Und ich, mein ultra-wortwörtliches Selbst, dachte: Klar, das ist wahr, jedem wurde mal ziemlich schlimm das Herz gebrochen... Wir haben also etwas Lustiges genommen und es zu etwas sehr Ernstem und Traurigem gemacht. Das machen wir so mit dem Leben. Wir nehmen das Lustige und machen es zu etwas Traurigem. Schrecklich.

Habt ihr schon Pläne für ein neues Gaslight Anthem-Album?
Ja! Das passiert im Moment. Wir schreiben momentan neue Songs. Wir haben so viele Songs! Elf oder zwölf sind schon fertig. Unser Ziel ist, 20 oder 25 zu haben. Und dann nehmen wir zwölf daraus. Aber die Sache ist, je mehr mit The Gaslight Anthem passiert, desto mehr kommen Leute zu mir und fragen mich: Gibt es viel Druck? Klar ist das so. Aber ich beginne, zu lernen, dass wir einfach die CD machen müssen, von der wir denken, dass sie gut ist. Wenn wir denken, dass das gut ist, ist das alles, was zählt. Wenn es Leuten nicht gefällt, was soll's, dann mögen sie es halt nicht. Aber wir sind aufgeregt genug, um etwas zu machen, das... Naja, „American Slang“ war relativ sanft. Und bei der nächsten CD glaube ich nicht, dass sie so wird. Das wird schneller. Wir schauen einfach, was wird uns einfallen lassen können. Wir haben all die Werkzeuge, die wir je brauchen könnten, um die CD zu machen, die wir machen wollen. Wenn wir sonstwen anheuern wollen, können wir das machen. Das ist das Coole daran. Ich glaube, das wird ziemlich gut.

Wenn man sich eure Alben so anschaut, ist das immer eine natürliche Weiterentwicklung: Euer Debut „Sink or Swim“ war noch ziemlich rau. „The '59 Sound“ war so die Verbindung zwischen „Sink or Swim“ und „American Slang“.
Ja, und „American Slang“ wird dann wahrscheinlich die Verbindung zwischen „The '59 Sound“ und dem nächsten Album. Aber das, was wir als nächstes machen... Wenn du zu einem Major Label wechselst, denken die Leute immer, dass es jetzt softer wird auf eine Weise. Aber das Gegenteil davon passiert. Es ist rauer und... Naja, es ist einfach cool! Es wird cool klingen. Ich freue mich echt. Die Leute werden sich wundern, wie sehr es nach (Brian macht
Booooom!-Geräusche) klingt. Explosionen. Und die Leute werden denken: Oh, das habe ich nicht erwartet... Recht aggressiv eben. Also nicht heavy, sondern emotional. Und rau. Aber was den Sound angeht, denke ich, wird es wahrscheinlich größer klingen und moderner. Vielleicht wie... Ich weiß nicht, ob es klingen wird wie ein Foo Fighters-Album, aber das ist jedenfalls ziemlich groß. Kennt ihr „Got Some“ von Pearl Jam, vom Album „Backspacer“? Das Lustige daran ist, dass das das neuste Album ist. Aber es ist gleichzeitig eines der rauesten Alben, die sie je gemacht haben. Es klingt nicht aalglatt. Es klingt nicht wie Lady Gaga... (lacht) Was aber cool ist, weil ich Lady Gaga mag... Aber du willst kein Album machen, was poliert klingt, was einfach (Brian macht schnelle Schlagzeug-Geräusche)... Wo die Drums so klingen! So ein 80er Album, wie Poison oder so. Obwohl ich Poison liebe.

Woher nimmst du die Inspiration für neue Songs?
Leiden, hauptsächlich... Meistens hat auch der Ort, an dem ich lebe, große Auswirkungen darauf, worüber ich schreibe. Da ist dieser magische Ort am Meer, der seine Magie irgendwie verloren hat. In den 20ern, 30ern, 40ern oder 50ern, als meine Mutter da aufgewachsen ist, gab es da einen großen Karneval und ein großes Riesenrad. Und die Straßen wurden einfach lebendig an einem Freitagabend. Bruce Springsteen redet da immer drüber. Er sagt dann: Als wir Kinder waren, in den 60ern, sind wir immer zu einem bestimmten Punkt in Asbury Park (New Jersey, Anm. d. Red.) gegangen. Da gibt es ein Casino, und The Stone Pony (ein Konzertvenue, Anm. d. Red.) und die ganzen Gebäude und da ist ein großer Kreis. Da konnte man immer mit den Autos lang fahren. Das klang dann wie ein Gewitter. Und jetzt ist einfach alles kaputt oder abgebrannt. Alles ist alt, die Farbe an den Häusern... Aber man kann noch erkennen, dass da mal Magie war. Und diese Romantik... Das ist fast das Gegenteil von dem, was Bruce gesehen hat, was ich sehe. Es ist lustig, weil es fast eine Fortsetzung ist. Er war da – nein, Frank Sinatra war zuerst da. Und dann war er da. Und dann gab's da noch Bon Jovi. Und jetzt sind es irgendwie wir und die Bouncing Souls, die die Geschichte erzählen, über den Jersey Shore.

Aber „American Slang“ handelt von New York, oder?
Ja, genau. Das hat nichts damit zu tun. „American Slang“ habe ich hauptsächlich über New York geschrieben, als ich da hingezogen bin und da gewohnt habe. Das war einfach nur komisch. Ich habe mich gefühlt, als hätte ich einen Sticker auf der Stirn kleben, der sagt: Hallo, ich heiße Brian, und ich bin ein Besucher. Es hat sich nie nach zuhause angefühlt. Es war echt komisch. Ich hatte echt keine gute Zeit dort. Am Anfang schon. Aber dann kam die New Yorkness raus.

Der alte Streit zwischen New Jersey und New York.
Ja, wir nennen es gern Gut und Böse. Gott und der Teufel. Es ist ein langer, kurvenreicher Kampf, der schon seit Jahrhunderten besteht. Amerika ist ziemlich alt. Es ist tausende, tausende Jahre – es ist etwa einhundert Jahre alt. Zweihundert. Was will man machen.

Hast du vor, nochmal mit Bruce Springsteen zu spielen?
Da haben wir nicht drüber geredet. Weiß ich nicht... Aber vielleicht. Ich meine, wenn er spielen will... Aber wenn ich mit ihm rede, reden wir nicht wirklich darüber, dass wir zusammen spielen wollen oder dass wir zusammen gespielt haben. Es ist überraschend normal. Wir reden schon über Musik. Das Lustige ist, dass er mir viele Fragen über meine Band stellt. Das ist bizarr. Er fragt dann: „Wie habt ihr das arrangiert?“ Er ist echt fasziniert von Klängen und davon, wie andere Bands das machen. Das ist cool, er ist ein echter Musiktyp. Aber wir reden nicht allzu viel davon, zusammen zu spielen. Oder überhaupt. Aber es war großartig, mit ihm zu spielen.

Es muss komisch für dich gewesen sein, als du ihn das erste Mal getroffen hast.
Total komisch! Ich dachte einfach: Schau dir das an. Das ist verrückt! Das habe ich nicht erwartet, als ich heute aufgewacht bin...

Aber ihr als Band seid auch in einer kurzen Zeit ziemlich groß geworden.
Ja, ich meine, relativ zumindest. Uns gibt es ja schon eine ganze Weile. Uns kommt es lang vor. Aber auch nicht wahnsinnig lang. Der Aufstieg ging schnell, vor allem hier in Deutschland. Wir haben vor 20 Leuten in einem Jugendzentrum gespielt und jetzt spielen wir vor 3000 Leuten. Das ist Wahnsinn.

Habt ihr das Gefühl, dass die Leute anders drauf sind in Europa?
Sie freuen sich einfach mehr, über Musik. Und sie sind empfänglicher für neue Musik. Amerikanisches Publikum kann hart sein, wenn sie deine Band nicht kennen. Die muss man definitiv für sich gewinnen. Das europäische Publikum gibt dir einen Vertrauensbonus, wenn du auftrittst. Das ist cool. Amerikanisches Publikum ist der Meinung, dass man ihnen beweisen muss, warum sie einen mögen sollten. Europäisches Publikum sind dann eher so: „Ich habe euch noch nie gehört. Vielleicht mag ich euch ja. Mal schauen.“ Wenn sie dich nicht mögen, mögen sie dich nicht. Ich würde mir wünschen, dass das komplette amerikanische Publikum – nur für einen Sommer – mal auf europäische Festivals kommen würde und sieht, wie es dort ist. Dann sehen sie all die verrückten und komischen Bands zusammengemischt. Dann würden sie diesen Vibe spüren. Dann würden sie spüren, dass es okay ist, Punk Rock und was weiß ich noch zu mögen. Das finde ich gut. Oder Coldplay! Jeder mag wenigstens einen Song von Coldplay. 



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