Letlive
Band: Letlive
Interviewer: Franziska
Datum: 18. Oktober 2011
Wir haben die sympathischen Jungs von Letlive aus Los Angeles zum Interview getroffen. Mit Sänger Jason Butler und Gitarrist Jean Nascimento haben wir darüber gesprochen, warum ihr neues, drittes Album „Fake History“ eigentlich ihr erstes Album ist – und warum man keine Amulette von Medizinmännern in New Mexico nehmen sollte.
Wie läuft eure Tour bislang?
Großartig, so weit, so gut!
Wo habt ihr letzte Nacht gespielt?
Wie hieß das nochmal? (Lachen) Oh, genau, Luxemburg!
Und wie war's?
Jean: Es war ziemlich... (fängt laut an zu Lachen)
Jason: Es war industriell... Die Venue, in der wir gespielt haben, war in einer Gegend, in der anscheinend gerade gebaut wurde... Industrielle Revolution und so.
Jean: Er hat gestern Abend meine Gitarre kaputt gemacht.
Jason: Ich habe seine Gitarre letzte Nacht kaputt gemacht.
Wie das?
Jean: Das müsst ihr euch ansehen... Es ist auf YouTube.
Jason: Es war wirklich aus Versehen. Ziemlich dumm.
Ist es auf der Bühne passiert?
Jean: Ja. So ungefähr der letzte Moment vom letzten Song.
Ist das eure erste europäische Tour?
Jason: Nein, die dritte... Genauer gesagt, die dritte in diesem Jahr. Wir waren schon ziemlich oft hier.
Jean: Wir waren ungefähr drei Wochen mit Your Demise auf Tour, im Februar und März. Dann waren wir noch drei Wochen mit Boysetsfire unterwegs. Und jetzt sind wir mehr oder weniger seit Ende August auf Tour, wo wir das Reading und Leeds Festival gespielt haben.
Wie war es, diese beiden Festivals zu spielen?
Jason: Wahnsinn.
Jean: Ja, es war echt gut. Einfach die Erwartung. Es war das erste große Festival dieser Art für uns. Ich meine, als wir noch klein waren, haben wir unsere Lieblingsbands auf YouTube angeschaut... Und jetzt waren wir selbst in einer Situation, wo wir einfach nur gestaunt haben... Das war ziemlich cool!
Kommen hier in Europa andere Leute zu euren Shows als in den Vereinigten Staaten?
Jason: Würde ich sagen, ja. Ich glaube, die Wertschätzung für Kunst – ich habe einfach das Gefühl, alle hier (zögert) verstehen uns viel mehr? Das ist wahrscheinlich falsch und ich sage das nicht. Es ist einfach ein ganz anderer Vibe, ein Kulturschock. Ihr hier drüben steht viel mehr auf Musik, so scheint es mir zumindest. Ich meine, es könnte aus Eimern gießen und schneien – ihr würdet trotzdem eure Mäntel und Mützen anziehen, Alkohol einpacken und zu den Festivals kommen. Das ist beeindruckend. Und jedes Mal wenn wir hier herkommen haben wir das Gefühl, dass alle das wirklich zu schätzen wissen. Die Fans nehmen das nicht als selbstverständlich hin und kommen zu den Shows. Vielleicht kommt diese Wertschätzung daher, dass Bands wie wir von weit weg kommen und dadurch nicht so oft hier sind. Oder es ist, weil wir aus einer unterschiedlichen Region kommen und diese Ungleichheit reizvoll ist. Ich weiß nicht genau, wo der Grund liegt, aber es gibt auf jeden Fall einen Unterschied, die wir feststellen und zu schätzen wissen. Zuhause in den USA habe ich das Gefühl, dass wir so gesättigt sind mit ziemlich viel Scheiß, und die Kids wissen nicht, dass es Scheiß ist. Deshalb muss man als Band einen anderen Weg einschlagen, wenn man sich abheben will. Hier kommt man her und sofort ist man aus dieser Region raus. Man bekommt eine Chance, und das ist cool.
Gibt es auch noch Unterschiede, die ihr zwischen den einzelnen Ländern feststellt?
Jason: Ja, ich glaube jedes Land ist anders. Deutschland war schon immer ziemlich cool für uns. Es gab da immer Kids, die schon die Musik kannten und sehr offen sind. In Italien hatten wir einen recht schwierigen Start, aber die letzten Shows waren großartig. Sie haben alle ihre eigenen Charakteristika.
Erzählt uns ein bisschen was über euer neues Album „Fake History“. Beziehungsweise – es ist schon eine Weile draußen in den USA, stimmt's?
Jason: Ja, in der Theorie ist es wohl ein altes Album. Das Album ist das Aggregat aus vier Jahren oder so etwas. Ich selbst und ein paar der Bandmitglieder waren jünger und wir hatten genug davon, eine protzige Version von Hardcore zu spielen. Wir haben versucht, zu zeigen, dass wir das können und ich kann das und das singen... Es war eine ziemlich eigennützige Sache. Ich war 16, als ich Letlive gegründet habe. „Fake History“ war einfach eine Ode an alles, was wir sein wollten und wovon wir Teil sein wollten. Wir fühlen uns irgendwie wie Brüder, sowohl in einem akustischen Sinn als auch emotional. Das hört sich vielleicht ein bisschen übertrieben an, aber es ist einfach viel mehr als nur die Musik. So als ob der eine ohne die anderen in dieser Band nicht existieren könnte. Und „Fake History“ war der erste Schritt in Richtung dieser Idee. Das ist Letlive. Ich meine, wenn man bei Wikipedia oder so nachschaut, dann sagt man: „Hey, ihr hattet ein Album in 2003, als ich 15 war!“ Da ist die Idee entstanden. Aber diese Band ist das, was Letlive ist und sein wird. Das ist also irgendwie unsere erste Veröffentlichung, auch wenn es zwei Alben vorher gab, aber ich war der einzige, der damals mitgespielt hat. Bei „Fake History“ fängt diese ganze Sache für uns erst an. Wir touren mit dem Album jetzt seit zwei Jahren und vor kurzem haben wir über ein neues Album geredet. Wir hoffen, dass wir das Anfang 2012 hinbekommen. Anfangen zu Schreiben, und Produktion und so... Wir sind schon sehr aufgeregt.
(Wahnsinnig lautes Gegröle im Hintergrund)
Hat sich für euch irgendwas verändert, seitdem ihr bei Epitaph unterschrieben habt?
Jean: Ja. Ich glaube nicht, dass sich unsere Arbeitseinstellung in irgendeiner Weise geändert hat, aber wir sind in der glücklichen Lage, dass es da Leute gibt, die das unterstützen, was wir tun, und die die Botschaft verstehen, die wir rüberbringen wollen. Klar ändern sich die Dinge... Ich meine, wir haben Zugang zu anderen Dingen als vorher. Es hat sich eigentlich nichts geändert – wir spielen immer noch in... Häusern.
(Wieder lautes Grölen von draußen)
Jason: Die freuen sich wegen der Haus-Shows.
Jean: Wir spielen immer noch in Hinterhöfen. Jetzt fühlt es sich so an, als wären wir von einer ganz neuen Familie adoptiert worden.
Jason: Ich meine, abgesehen von den Villen, die sie uns gekauft haben, und den Autos, die sie uns geschenkt haben... Das ist natürlich nur Scheiß, wir haben gar nichts bekommen (lacht). Aber es wäre ziemlich nett gewesen... Epitaph, falls ihr das lest: Ich hätte nichts gegen ein Auto.
Jean: Oder einen Jetski.
Jason: Das wäre großartig! Nein, also Epitaph ist auf uns zugekommen, und es ist ein ziemlich hoch angesehenes Plattenlabel. Eine der Mogule im Punkrock, Hardcore und Alternative und Musik generell. Die Art, wie sie Musik geformt haben, ist ziemlich beispiellos. Deshalb war es für uns eine Ehre, gelinde gesagt. Es haben sich großartige Möglichkeiten für uns eröffnet. Ich meine, auch unser vorheriges Plattenlabel hat alles getan was sie konnten, und wir müssen Tragic Hero jede Minute danken. Das wäre sonst alles nicht passiert. Das war der Katalysator für uns und Epitaph hat uns einfach ziemlich viele neue Möglichkeiten eröffnet. Und sie sind so aufgeregt, sie glauben an uns und sie haben es einfach drauf als Label... Uns gibt das einen Anstoß und sorgt dafür, dass wir mehr an uns selbst glauben... Keine Ahnung, ich höre mich wieder total emotional und übertrieben an, aber es ist einfach echt nett. Ich kann gar nicht anfangen zu beschreiben, wie dankbar wir sind.
Gibt es einen Moment auf Tour, der besonders lustig oder einprägsam für euch war?
Jean: Gerade jetzt... (Gegröle von draußen).
Jason: Bei dieser Tour würde ich sagen, dass gestern Abend ziemlich lustig war. Als ich deine Gitarre kaputt gemacht habe.
(Jean lacht laut los)
Jason: Und wir haben es ins Internet gestellt... Das war echt lustig.
Jean: Wenn uns jemand diese Frage stellt, ist einfach schwer, weil es so viele lustige Moment gab...
Jason: Ich erinnere mich daran, dass wir mal einen Typen – ich denke, er war so eine Art Medizinmann – in New Mexico getroffen haben und ich glaube, er hat uns verflucht. Wir hatten einen Unfall mit unserem Van in der Nacht. Auf die obskurste Weise. Zusammengefasst: Mein bester Freund, unser Tourmanager Randall, hat diesen Anhänger von diesem Typen genommen, wo ich mir sicher bin, er war ein Medizinmann – ich bin echt nicht besonders abergläubisch, aber das macht mich irre... Und er hat das irgendwo in den Van getan, obwohl ich ihn angefleht habe, es wegzuschmeißen, aber er hat es behalten. Und ich sage ihm noch, man, das bringt uns Pech. Naja, jedenfalls sind wir gefahren, und wir waren kurz davor, zu den Nine Inch Nails einzuschlafen, und dann ist da dieser Riesen-Knall und Geschrei – wir hatten ein Reh gerammt. Das war schon vorher tot, aber was die Sache war, ist dass die Rippe von dem Reh, die aus seinem Brustkorb herausstach, sich in unseren Tank gebohrt hat. Mitten in New Mexico... New Mexico ist wahrscheinlich am weitesten davon entfernt, mein Lieblingsort zu sein, und wir haben dann da für Stunden festgesessen und sind durch diesen dunklen, verlassenen Highway gelaufen, wo niemand sonst war, und ich habe ohne Scheiß gedacht, entweder werde ich von Aliens entführt, vergewaltigt oder verwandle mich in einen weiteren Medizinmann. Klar, nichts davon ist passiert, aber es hätte passieren können... Jedes davon ist möglich. Es war einfach ein ziemliches Chaos, es war scheiße. Der Punkt ist: Nehmt keine Amulette von Medizinmännern in New Mexico.
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