Paul Smith (Maximo Park)
Band: Paul Smith (Maximo Park)
Interviewer: Franziska
Datum: 12. November 2009
„Wir machen Musik für Leute, die zuhören“
Vor ihrem Konzert in der Düsseldorfer Philipshalle hatten wir die Ehre, Maximo Park-Sänger Paul Smith zu einem Interview zu treffen. Der oft als exzentrisch bezeichnete Sänger aus Newcastle macht persönlich so gar keinen exzentrischen Eindruck. Später auf der Bühne ändert sich das dann natürlich wieder, und gewohnt energiegeladen rast Smith hin und her. Aber ja, es ist wahr: Paul Smith hüpft nicht mehr. Zumindest nur noch ein bisschen.
farrelmagazine.com: Ihr habt gerade eure Tour durch Europa begonnen. Wie läuft es bis jetzt?
Paul Smith: Es läuft ganz gut. Es ist nett, außerhalb seines Heimatlandes geschätzt zu werden, und es ist auch gut, zuhause angesehen zu werden. Aber hier gehen wir raus, und viele sprechen kein Englisch, aber die Lieder kommunizieren trotzdem mit den Leuten. Ich freue mich darauf, wieder in Deutschland zu spielen, ich glaube, die Leute mögen uns hier. Und ich freue mich darauf, die Songs von „Quicken The Heart“ zu spielen.
farrelmagazine.com: Was war der beste Gig bislang?
Paul Smith: Ich hebe ungern einzelne Shows heraus, aber da du fragst... Wir haben die Royal Albert Hall in London gespielt, eine schöne viktorianische Halle. Sogar Muhammad Ali hat da mal geboxt, mal ganz abgesehen von all den Orchestern und den berühmten Leuten. Ehrlich gesagt war ich ziemlich nervös, weil es stilistisch ein anderes Konzert war als sonst. Aber es war gut, weil wir Streicher und Bläser hatten, die den Klang voller gemacht haben. Wir haben unsere Instrumente runtergedreht, damit uns alle gut hören konnten. Ich habe „Karaoke Plays“ ganz allein, nur mit Streichern gespielt. Es war das erste Mal, dass ich ohne die Band gesungen habe, aber es war gut. Viele Leute haben mir später gesagt, dass sie es toll fanden, und das ist eigentlich alles, worauf es für uns ankommt.
farrelmagazine.com: Bist du immer noch nervös vor normalen Shows?
Paul Smith: Ehm... (lacht), nicht besonders. Ich glaube, jedes Mal, wenn man rausgeht und vor anderen Leuten spielt, gibt man ihnen Dinge, die man gemacht hat, und die Musik, die wir gemacht haben. Es ist lustig, eine Freundin von mir hatte vor kurzem eine Ausstellung, und sie sagte zu mir: „Ich bin so nervös, Paul“ und ich meinte nur: „Warum, du musst doch nur noch herumlaufen und das Lob entgegennehmen. Ich muss da rausgehen und alle Noten treffen und versuchen, mit den Leuten eine Verbindung aufzubauen“. Wir sind nicht eine der Bands, die auf die Bühne kommen und nur da stehen. Ich hoffe, dass das die Shows besonders macht, und das ist wohl der Grund, warum Leute Live-Musik immer noch lieben. Deswegen bin ich ein bisschen aufgeregt, bevor ich auf die Bühne gehe, aber das ist mehr Begeisterung als alles andere. Ich liebe die Songs, und ich liebe es, sie zu performen.
farrelmagazine.com: Auf welches Land freust du dich besonders?
Paul Smith: Südamerika. Wir gehen nach Argentinien und Brazilien, beides Länder, in denen wir noch nie waren. Wir waren überhaupt noch nie in Südamerika. Es ist immer gut, an einen neuen Ort zu kommen, obwohl ich keine Ahnung habe, ob irgendjemand zu den Konzerten kommt oder uns jemand ausraubt (lacht). Ich weiß nicht, wie es wird, aber ich freue mich darauf. Wir kommen auch nach Australien, zum vierten Mal, und darauf freue ich mich auch definitiv, aber wenn etwas heraussticht, dann sind es diese beiden Länder in Südamerika.
farrelmagazine.com: Ihr spielt heute Abend in der Philipshalle in Düsseldorf, die recht groß ist. Vermisst du es manchmal, an kleineren Orten zu spielen?
Paul Smith: Nicht wirklich. Weil ich weiß, dass wir dort wieder spielen werden, weißt du. Wir versuchen immer, uns weiter zu bewegen, und manchmal bedeutet das eben, mal wieder in einem kleinen Pub vor hundert Leuten zu spielen. Bevor ein neues Album herauskommt spielen wir es immer in Newcastle vor einem kleinen Publikum. Dieses Mal haben wir im Lido in Berlin gespielt, was klein ist, aber nett. Wir versuchen, Orte auszusuchen, die eine bestimmte Atmosphäre haben.
Nachdem wir schon in Großbritannien größere Shows gespielt haben wollten wir das jetzt auch in Deutschland ausprobieren. Wir haben einen Projektor dabei, mit dem wir selbstgedrehte Filme hinter uns abspielen wollen, weil es das ein bisschen persönlicher macht. Es kommen mit Sicherheit heute einige Leute, die einfach mal sehen wollen, wie es ist, und dann ist da eine relative Distanz zwischen uns und dem Publikum. Dann ist es unsere Aufgabe – weil es mit Sicherheit nicht ausverkauft sein wird heute Abend – die Leute näher heranzubringen. Das ist schon eine Herausforderung. Wir wollten einfach eine größere Show spielen, mit den Lichtern und so weiter, und oft sind eben die einzigen Orte, wo man so etwas machen kann, die größeren. Wir machen das auf dieser Tour und wer weiß, vielleicht spielen wir nie wieder in Venues, die so groß sind, also wollten wir es einfach mal ausprobieren. Wir werden schon wieder in kleinen Venues spielen, vor allem, wenn niemand unser nächstes Album kauft (lacht).
farrelmagazine.com: Gibt es dafür schon Pläne?
Paul Smith: Ja! Wir sind alle recht beschäftigt, ich nehme auch Musik mit Freunden auf, oder ich nehme selbst etwas auf, Cover-Versionen zum Beispiel. Die anderen Jungs haben auch andere Bands, und ich spiele Gitarre in einer Band aus Newcastle und schreibe viele Songs, die nicht auf unseren Alben erscheinen. Im Zuge von Maximo Park haben wir schon etwas aufgenommen, was sehr gut klingt, deshalb könnt ihr wohl recht bald etwas Neues erwarten. Aber nach dieser Tour im November will ich mir erstmal eine Pause für eine Weile nehmen, und mich nicht irgendwie unter Druck gesetzt fühlen, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein. Nicht jeder hat genug Glück, das zu tun. Ich will meine Zeit einfach nutzen und nicht faul sein.
farrelmagazine.com: Fühlst du dich denn unter Druck gesetzt? So von wegen, da muss jetzt dann und dann ein neues Album rauskommen und du musst Songs schreiben?
Paul Smith: Ich glaube bei vielen Bands ist das erste Album gut, und dann versuchen sie etwas wieder hinzubekommen, das sie schon mal gemacht haben. Wir hingegen machen etwas, und dann bewegen wir uns weiter. Dann gibt es Leute, die das nicht mögen und sagen: „Warum ist das so? Warum ist der Song der Gleiche?“, deshalb wollen wir uns einfach weiterentwickeln. Wir sind auf einem Independent-Plattenlabel, deshalb ist es für uns relativ leicht, das zu tun, was wir wollen. Wir sind dort eine der Bands, die sich am besten verkauft. Das gibt uns einen gewissen Spielraum. Sie versuchen nicht, uns in die Charts zu bekommen, sie versuchen, CDs an die richtigen Leute zu verkaufen und etwas Langanhaltendes zu produzieren. Wir hatten Glück, dass wir einige Male in den Charts waren, aber das ist nur, weil wir ohnehin Popsongs schreiben. Wenn wir einen kleinen Hit haben, können wir uns glücklich schätzen, weil wir immer das gemacht haben, was wir wollten. Es ist nicht so, dass ich mich unter Druck gesetzt fühle, aber ich setze mich selbst unter Druck. Ich will nicht stillsitzen, ich will weiter etwas machen, und jetzt, wo ich die Möglichkeit habe, das für meinen Lebensunterhalt zu tun, will ich einfach immer weitermachen. Wir werden bestimmt mehr Alben herausbringen, als wir das in den letzten fünf Jahren getan haben. Du willst einfach nicht immer dasselbe machen, Gigs spielen – auch wenn es immer noch gut ist. Aber nach der Tour... Es sei denn, die Beatles reformieren sich und sagen „Hey, lasst uns zusammen spielen!“ (lacht). Aber sonst nehmen wir auf wenn wir uns danach fühlen, wir vertrauen da unserem Instinkt.
farrelmagazine.com: Welche Lieder auf „Quicken The Heart“ magst du am liebsten?
Paul Smith: Das ist echt schwer! Ich mag sie alle, sonst würde ich sie nicht veröffentlichen. Andere Bands, die eine größere Mainstream-Mentalität haben, füllen einfach nur Platz auf der CD. Das ist eine Zeitverschwendung für alle, wenn du eine CD kaufst und dann sind da nur drei gute Songs drauf und der Rest ist langweilig. Bei uns gibt es zwölf Songs, die alle recht unterschiedlich voneinander sind. Wir machen Musik für Leute, die zuhören, die etwas fühlen. Sei es, dass sie denken, bei dem Song macht es Spaß, zu tanzen, oder bei dem ziehe ich meine Kopfhörer auf. Manche Leute übersetzen vielleicht die Texte und denken dann: „Aha, darum geht´s“. Ich glaube, es gibt etwas für jeden, der Popmusik mag, auf dem Album. Ich habe verschiedene Favoriten zu verschiedenen Zeiten. Wir haben zum Beispiel „Roller Disco Dreams“ lange nicht gespielt und wir werden es heute Abend spielen, ich freue mich drauf und hoffe, dass ich den Text nicht vergesse! Genauso ist es mit „I Haven´t Seen Her In Ages“, dem letzten Track auf der CD. Das sind beides ziemlich persönliche Songs. Ich meine, ich habe die Texte geschrieben, deshalb fällt es mir leicht, in den Song reinzukommen, der Champion zu sein, und zu sagen, das ist ein guter Song, weil er etwas von mir in sich trägt. Damit will ich nicht sagen, dass ich toll bin (lacht), ich glaube nur so sehr daran, dass es schwierig wäre, zu sagen, „Den finde ich nicht so toll“. Da würde ich mich schlecht fühlen (lacht).
farrelmagazine.com: Woher nimmst du deine Inspiration beim Schreiben von Songs?
Paul Smith: Einfach aus dem täglichen Leben. Ich schaue mich um und versuche, Dinge aufzunehmen, aus meinem Leben uns aus dem der anderen, wenn ich durch die Stadt laufe. Ich versuche, davon etwas festzuhalten. Ich schreibe viel auf meinen Notizblock oder benutze mein Handy. Ich versuche, viele Dinge zu entdecken. Ich versuche, lieber ein Buch zu lesen oder einen Film zu schauen als im Internet zu sein und Mails zu checken. Ich schaue mir an, was jemand anderes für alle geschaffen hat und versuche mich davon inspirieren zu lassen. In allen Songs kommen jede Menge Dinge vor, Filme, Alben und Poeten wie Frank O´Hara, Musiker wie Arthur Russell oder The Go-Betweens. Einfach Sachen, die ich anmache und denke „Wow, sind die gut!“ Ich will etwas machen, was auch so gut ist, und obwohl du weißt, dass du immer damit kämpfen wirst, ist es dieser Kampf, der recht interessant ist und es ist faszinierend, damit ringen zu müssen, kreativ zu sein. Manchmal ist es nicht so gut und du denkst dir, wenigstens habe ich es versucht, aber danach bekommst du eine neue Idee, die du gar nicht bekommen hättest, wenn du es vorher nicht versucht hättest. Die Texte sind ein fortwährender Prozess, sie sind alle über die gleichen Dinge, aber das tägliche Leben, sich in Orte oder Personen zu verlieben oder diese zu verlassen hinterlässt Erinnerungen. Die kommen dann im Song wieder vor. Ich versuche, kleine Momente festzuhalten. Zum Beispiel in „I Haven´t Seen Her In Ages“ heißt es „Remember the time we rented a car for the day and we got a map and I tried to navigate“, und du bekommst das Bild von mir in den Kopf, wie ich im Beifahrersitz sitze. Und da könnte der Zuhörer auch denken „Ja, das habe ich auch gemacht, und mein Freund ist gefahren und wir konnten die Karte nicht lesen“. Es sind die alltäglichen Situationen, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und du denkst, dass diese Zeit keine Verschwendung war. Es war nicht einfach ein Augenblick, den man vergessen kann, ich werde mich jetzt daran erinnern. Das ist eigentlich ein bewundernswerter Grund um Songs zu schreiben, besser als sich zu fragen, ob man wieder dasselbe macht. So lange ich einen frischen Aspekt daran finde, denke ich mir: „Hey, da ist es, lass es zu und schau, was die Leute sagen“.
farrelmagazine.com: Was für Bands hörst du persönlich und mit welchen Bands bist du aufgewachsen?
Paul Frank: Alles mögliche. Ich kaufe mir jede Woche ziemlich viele CDs, so sechs oder sieben. Als ich studiert habe, habe ich all mein Taschengeld und mein Studentendarlehen gespart und mir ein Album pro Woche gekauft, dass ich dann die ganze Woche gehört und in mir aufgenommen habe. Wenn dann in der Woche darauf wieder ein gutes Album herausgekommen ist, habe ich es gekauft, wenn nicht, kamen eben zwei Wochen später gleich zwei CDs. Ich habe mich immer für die Vergangenheit interessiert und mag es, in Bibliotheken zu gehen und mir CDs auszuleihen. Ich bin interessiert an neuer Musik, aber ich glaube, als ich aufgewachsen bin, waren mir vor allem Melodien wichtig. Das ist auch eines der Schlüsseleigenschaften an unserer Band. Es ist kein dreckiger Rock, da gibt es eine Melodie, die du mitsingen kannst. Manchmal ist sie tief vergraben, aber darin liegt auch die Schönheit, sie zu entdecken.
Im Moment höre ich eine Band namens Girls aus San Francisco und The Pains Of Being Pure At Heart aus New York. Ich mag Deerhunter aus Georgia, generell viele amerikanische Bands. Aber dann höre ich auch mal Jay-Z. Ich höre mir Folksinger aus den Siebzigern an. Das hört sich so live an, wenn du die Musik laut aufdrehst, denkst du, du bist in einem Raum mit denen. Diese klassischen Folksongs mit einem modernen Touch. Es gibt ein Album, das heißt „I Want To See The Bright Lights Tonight“ von Richard und Linda Thompson, das mich einfach nur umhaut.
farrelmagazine.com: Wenn ihr als Band nicht so groß geworden wärt, was würdest du jetzt machen?
Paul Smith: Naja, ich liebe Musik so sehr, dass ich es liebe, darüber zu schreiben. Bevor ich in einer Band war, habe ich ein kleines Fanzine hergestellt mit den Dingen die ich mag. Ich habe Filme reviewed und über Sänger geschrieben, die ich sehr mag und Bilder von ihnen gemalt. Ich habe alles mit der Schreibmaschine geschrieben. Meine Freunde haben heute noch eine Kopie. Aber realistisch gesehen habe ich unterrichtet, was keinen Spaß gemacht hat, weil ich kaum Geld dafür bekommen habe. Ich würde mir gern vorstellen, dass ich nicht unterrichten würde, sondern über Musik schreiben würde. Wenn wir es nicht so weit gebracht hätten, würde ich wahrscheinlich das machen, was ihr auch macht.